Thilo Sarrazin und die Türken
Nachdem Dr. Thilo Sarrazin, ehemaliger SPD-Finanzsenator der Stadt Berlin und aktuelles Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, der Berliner Kulturzeitschrift “Lettre International” ein Interview gab, rieben sich die politisch Korrekten und andere Dauerempörte bereits, voller Vorfreude auf ihre baldige Redezeit in den Medien, die Hände, denn Thilo Sarrazin ist dafür bekannt, dass er sagt was er denkt.
“Türkenfeindliche Tiraden” und “unerhört” sollen seine Äußerungen gewesen und er selbst “durchgeknallt” sein, titelte Spiegel-Online und ließ den Grünen-Politiker Özcan Mutlu zu Wort kommen der hinzufügte: “In Berlin gibt es allein 6000 deutsch-türkische Unternehmer, die nahezu 20.000 Arbeitsplätze geschaffen haben.” Der Sprecher des Türkischen Bunds Berlin-Brandenburg, Safter Cinar, behauptete, dass Thilo Sarrazins Aussagen einseitig und unüberlegt seien, sowie “absolut unter der Gürtellinie und inhaltlich völliger Quatsch”1 und Hüsnü Özkanli, der Vorstandsvorsitzende der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung (TDU), legte nach und sagte: “Es gibt 80 türkischstämmige Ärzte, die in Berlin eine Praxis haben, und 70 türkische Anwälte. Wir tragen zum deutschen Wirtschaftssystem bei, indem wir Ausbildungs- und Arbeitsplätze schaffen, unsere Jugend studiert.”2 und weil Gewerkschafter ebenfalls nicht fehlen dürfen, nannte Uwe Foullong von der ver.di die Äußerungen „skandalös“ und „rechtsradikal“, damit auch er eine erholsame Nacht hat.3
Zum Schluss gab es noch eine Anzeige wegen Volksverhetzung und der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, forderte eine Entschuldigung.4
Doch wer derart reagiert, sollte besser, ohne dabei überhaupt Sarrazins Aussagen zu beachten, seine eigenen Äußerungen auf “Einseitigkeit” und “Unüberlegtheit” prüfen.
Die Stadt Berlin hatte 2008 3,4 Millionen Einwohner wovon etwa 200.000 türkischstämmig waren.5 Berlin hatte 2008 5.513 berufstätige Ärzte6, 11.557 Rechtsanwälte7 und 2007 128.717 umsatzsteuerpflichtige Unternehmen.8
Rechnet man nun diese Zahlen auf eine pro Kopf Basis herunter und teilt diese, unter Berücksichtigung aller oben genannten Zahlen, zwischen türkischstämmigen und nichttürkischstämmigen Berlinern auf, kommt man zu dem Ergebnis, dass es statt nur 80 Ärzten 344 (x3,4) und statt 70 Anwälten 722 (x10,3) sein müssten, um mit der Summe der nichttürkischen Berliner mithalten zu können. Bei den sonstigen Unternehmen sieht es auf den ersten Blick wesentlich besser aus, denn hier kommen auf die türkischstämmigen Berliner 8,3x so viele Unternehmen pro Kopf wie auf die nichttürkischstämmigen Einwohner. Hier bleiben jedoch Zweifel, ob es sich bei den genannten 6000 Unternehmen tatsächlich bei allen um umsatzsteuerpflichtige Unternehmen handelt. Zudem täuscht es nicht darüberhinweg, dass 42% aller Türken im erwerbsfähigen Alter 2001 arbeitslos waren.9. Im Rest der Berliner Bevölkerung lag die Arbeitslosenquote 2001 bei 17,9%.10 Alles in allem keine besonders überzeugenden Argumente der Empörten.
Thilo Sarrazin hat sich mittlerweile entschuldigt und Kenan Kolat nahm es entgegen: “Sarrazin hat sich entschuldigt und eingeräumt, dass seine Aussagen missverständlich waren. Der Fall ist damit für uns erledigt. Wir hoffen, dass Sarrazin in Zukunft keine Äußerungen dieser Art mehr macht. Wir sollten jetzt zur Tagesordnung übergehen. Die Türkische Gemeinde in Deutschland sei jedoch zu einer Diskussion über die von Sarrazin angesprochenen Probleme bereit.”11
Wie genau man jedoch über Probleme sprechen soll, die angeblich inhaltlich falsch und unter der Gürtellinie seien, vermutlich gar nicht existieren und zu einem Sturm der Entrüstung führen sowie zu zahlreichen Diffamierungen, konnte er nicht erklären.
Wer das Interview lesen möchte um sich eine eigene Meinung zu bilden, findet es bei fact-fiction.net12
17.9
- http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,652637,00.html ↩
- http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,652571,00.html ↩
- http://www.focus.de/politik/deutschland/auslaender-schelte-gewerkschaft-nennt-sarrazin-rechtsradikal_aid_441072.html ↩
- http://www.netzeitung.de/politik/deutschland/1480100.html ↩
- http://de.wikipedia.org/wiki/Berlin ↩
- http://www.aerztekammer-berlin.de/40presse/30_Statistik_index/index.htm ↩
- http://www.brak.de/seiten/pdf/Statistiken/2008/MGklein2008.pdf ↩
- http://www.statistik-berlin-brandenburg.de/pms/2009/09-04-08a.pdf ↩
- http://www.tagesspiegel.de/berlin/art270,2219142 ↩
- http://www.gsi-berlin.info/redirectA.asp?filename=TG0102222000200800.xls ↩
- http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5iwBWPopmpDtqh3uMzyTn75Km-paA ↩
- http://fact-fiction.net/?p=2990 ↩
Kommentare (1)
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Grundsätzlich hast Du ja mit Deinen Hochrechnungen und Statistiken Recht. Ja, die Zahl der Ärzte und der Unternehmer unter den türkisch-stämmigen Berlinern ist im Vergleich zu Ihrer Gesamtanzahl innerhalb der Berliner Bevölkerung verhältnismäßig gering. Was aber an Deiner Vorgehensweise nicht passt ist Dein Ansatz. Denn die Türken, die vor 40 Jahren nach Deutschland gekommen sind, sind zu 99 % einem bestimmten sozialen Milieu zuzuordnen, nämlich dem der Arbeiter und der bildungsfremden Bevölkerung. Es kamen keine Akademiker, es kamen einfache ungelernte Arbeiter.
Wenn Du Deine Berechnungen also erweiterst, nämlich differenziert nach Milieus, so müsste Du zunächst errechnen, wie viele Ärzte und Unternehmer die “ungelernte” (deutsche) Arbeiterschicht Berlins hervorbringt. Ich kann Dir sagen, dass die Zahl sehr gering ist. Wenn man aus einer Arbeiterfamilie stammt, ist es schwer, zu einem Akademiker zu werden, also Arzt zu werden.
Um jedoch den Gedanken des differenzierten Vergleichs zu Ende zu führen: während vor 30 Jahren die Zahl an Abiturienten unter den Türken lediglich bei 2 % lag, liegt sie heute bei 18 %, Das ist ein Anstieg von 900 %. Hier fand also eine enorme Verschiebung von der unteren Bildungsschicht in eine höhere Bildungsschicht statt. Im Verhältnis hierzu hat sich die Verteilung innerhalb der dt. Bevölkerung zwischen den einzelnen Bildungsschichten nahezu nicht verändert. d.h., einmal in der Arbeiterschicht geboren, ist der Ausbruch sehr schwer.
So gesehen ist die Leistung innerhalb der türk. Community beachtlich, oder?
Aber wo ich jedem Recht geben würde: das 50 % der türk. Kinder in Berlin gar keinen Schulabschluss haben ist eine Katastrophe und nichts zu rechtfertigen. Hier lebt man in seiner kleinen Welt und das Leben geht an einem vorüber. Dieses kostet diesen Menschen die Perspektive und uns – den Steuerzahlern – sehr viel Geld.
Grüße aus Bremen,
Oktay